Stellungnahme zur aktuellen Entwicklung in der Bundesrepublik
angesichts des erstarkten Antisemitismus

Sehr geehrte Vertreter*innen der Medien, sehr geehrte Damen und Herren,

in den letzten Tagen wurde ich von diversen Medien mehrmals mit Fragen zu den aktuellen Vorkommnissen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt konfrontiert. In den daraufhin erschienenen Berichten wurden meine Antworten stark verkürzt und somit inhaltlich unvollständig wiedergegeben. Um meine Position präzise darzustellen und Unklarheiten aus den bereits vorhandenen Berichten zu beseitigen, möchte ich hiermit Folgendes erklären:

  1. Der gegenwärtige bewaffnete Konflikt zwischen der radikalislamischen Terrororganisation HAMAS und dem Staat Israel ist lediglich ein Katalysator, aber keinesfalls die Ursache für die antisemitischen Vorkommnisse in unserer Stadt, in unserem Land und in anderen europäischen Staaten. Dieser Antisemitismus entstand nicht erst nach den Auseinandersetzungen am Tempelberg und im Ostteil Jerusalems oder mit dem Beginn der Raketenangriffe aus Gaza und der darauffolgenden Reaktion der IDF. Dieser Antisemitismus existiert seit Jahrhunderten und war nie wirklich verschwunden. Manchmal zeigt er sich im rechtsradikalen, auf den Nationalsozialismus bezogenen Judenhass, wie im Zweiten Weltkrieg als Bündnis zwischen Adolf Hitler und Mohammed Amin al-Husseini, und manchmal als Bündnis mit linksradikalen Bewegungen, wie bei der gemeinsamen Flugzeugentführung durch die Volksfront zur Befreiung Palästinasund und deutschen revolutionären Zellen. Derjenige, der meint, dass die Eskalation in Israel alleinige Ursache dieser gegenwärtigen antisemitischen Welle ist, hat Ursachen und Auswirkungen verwechselt.
  2. Was beobachten wir gerade in Gelsenkirchen, Berlin, Bonn oder hier in Halle? Wir beobachten das umfängliche Versagen der Integrationspolitik in all diesen Jahren. Wir beobachten, nein, wir sind mittendrin in einer „Bankrotterklärung“ aller Runden Tische, Konferenzen, Beiräte, Kommissionen und Ausschüsse. gegen Antisemitismus? Nein! Runde Tische, Konferenzen, Beiräte, Kommissionen und Ausschüsse FÜR DEMOKRATIE! Das wichtigste bei den heutigen Vorkommnissen ist gerade diese Tatsache. Nicht allein die jüdische Gemeinschaft ist durch diesen Hass gefährdet. Gefährdet ist die gesamte demokratische Struktur unseres Landes. Alle Aufrufe der höchsten Repräsentant*innen unseres politischen Systems, das jüdische Leben in Deutschland, die Jüdinnen und Juden und die Synagogen zu schützen, bleiben wirkungslos bis zu dem Moment, in dem diese Politiker*innen endlich verstehen, dass es nicht um die jüdische Minderheit, sondern um die Allgemeinheit geht. Bei all den hassgeladenen Demonstranten auf den deutschen Straßen stellt sich eine andere Frage: Wo sind wir? Gibt es noch Recht, Gesetz und Ordnung? Wo ist die Grenze der Meinungsfreiheit? Herrschte am 12. Mai 1933 auch Meinungsfreiheit auf dem Universitätsplatz in Halle (Saale), als die Bücher brannten, oder am 9. November 1938 am Großen Berlin, als die Synagoge brannte? Denjenigen, die meinen, dass diese Beispiele überzogen seien, möchte ich entgegnen: In diesen Tagen brennen israelische Flaggen. Nur dank der Sicherheitsbehörden und insbesondere der Polizei schafften es Judenhasser bis jetzt (noch) nicht die Synagogen anzugreifen. Angriffe auf Menschen stehen bereits auf der Tagesordnung.
  3. Wie geht es jetzt weiter? Wird wieder ein*e Politiker*in „Nie wieder!“ sagen? Oder „Es ist fünf vor zwölf!“? Oder „Das Judentum gehört zu Deutschland“? Das reicht aber nicht. Auch in der Vergangenheit war es nie ausreichend. Laute und schöne Schlagwörter ersetzen nicht die konsequenten und auf Recht und Gesetz gestützten Handlungen. Es kann viel mehr erreicht werden, wenn weniger gesagt und mehr getan wird. Es ist wesentlich einfacher über Solidarität zu reden als daran zu erinnern, weshalb sich Politiker*innen zur Wahl stellen: Um unsere demokratische Grundordnung und das Grundgesetz zu schützen und dem Volk zu dienen!

Max Privorozki

Veröffentlicht in Allgemein Getagged mit:

Jom haSchoa am 8. April 2021

Jom haSchoa 2021

Unsere Gemeinde gedenkt die Opfer der Schoa – der von Nazis geplanten und vollführten Massenvernichtung der jüdischen Gemeinschaft in und außerhalb Europas.

Zum zweiten Mal müssen wir wegen der Pandemie die Gedenkveranstaltung online durchführen. Auch in diesem Jahr werden sechs Kerzen gezündet:

– zum Gedenken an die Widerstandskämpfer in Ghettos

– zum Gedenken an die ermordeten Kinder

– zum Gedenken an die erlösten jüdischen Gemeinden

– zum Gedenken an die tapferen Menschen die mit einem enormen Risiko für eigenes Leben versucht haben den Juden zu helfen  

– für den Staat Israel, Heimat des jüdischen Volkes

– zum Gedenken an die sechs Millionen in Schoa ermordeten Juden

Jeder Mensch hat einen Namen, den ihm G-tt gegeben hat, den ihm Vater mit Mutter geschenkt. Wir werden die Namen der jüdischen Bürger unseres Bundeslandes lesen die in der Nazizeit ermordet worden sind.

Das Streaming beginnt heute, am 8. April 2021 um 15:30 Uhr:

auf der Facebookseite der Jüdischen Gemeinde Halle https://www.facebook.com/watch/?v=195934072085122

oder auf dem YouTube: https://youtu.be/yspp7la5X-I

Veröffentlicht in Allgemein Getagged mit:

Urteil nach Anschlag am Jom Kippur 5780 in Halle: Interview mit Max Privorozki

Nach dem Prozess gegen den Attentäter von Halle, ist für den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Halle die Aufarbeitung des Anschlags längst nicht abgeschlossen. Max Privorozki wünscht sich von der Politik, nicht nur den Extremismus zu bekämpfen, sondern vor allem Toleranz zu fördern. Außerdem glaubt er, dass die Rolle der Eltern des Attentäters noch rechtlich bewertet werden muss. MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Marie Landes hat ihn befragt.

Herr Privorozki, das Urteil ist gefällt. Wie zufrieden sind Sie damit? Wurde mit dem Urteil ein klares Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt – oder fehlt etwas?

Max Privorozki: Das Urteil ist gefällt und es ist auch das einzig vertretbare Urteil dafür was und wie er es alles getan hat. Die Zeichen gegen Antisemitismus sollten jedoch nicht in einem Strafprozess gestellt werden, sondern in der Gesellschaft und in der Politik. Und zwar nicht nur nach einem Terroranschlag.

Was bedeutet der Urteilsspruch für die jüdische Gemeinde Halle? Inwiefern ist die Urteilsverkündung auch ein Abschluss?

Max Privorozki: Wenn es um eine juristische Komponente geht, bleibt die Rolle von Eltern, insbesondere der Mutter des verurteilten Attentäters weiterhin unerforscht. Wir werden prüfen, ob der Rechtsweg in dieser Richtung wirklich ausgeschöpft ist. In diesem Sinne ist es noch kein Abschluss. Das Attentat war nur die Spitze des Eisbergs. Die Tatsache, dass die Mutter des verurteilten Mörders mit ihren antisemitischen Ansichten jahrelang als Ethiklehrerin gearbeitet hat (und es möglicherweise auch weiterhin tut), ist die eigentliche Schande und Katastrophe. Wir hören sehr oft, dass es gefährlich ist, wenn bei den Sicherheitsbehörden Menschen mit antisemitischen Ansichten tätig sind. Noch hundertmal schlimmer ist, wenn solche Menschen mit Kindern arbeiten, egal ob mit eigenen oder fremden.

Mit dem Urteil endet die juristische Aufarbeitung des Halle-Attentats. Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Aufarbeitung aus? Wo stehen wir?

Max Privorozki: Hier bleibt noch ein langer und schwieriger Weg. Dabei geht es nicht nur um die Aufarbeitung des Jom-Kippur-Anschlags in Halle oder Terrors in Hanau, Dresden, Berlin oder Hamburg. Es geht um die Entspannung in der gesellschaftlichen Atmosphäre, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, egal zu welchem Thema. Wenn man nur Rechtsextremismus oder nur Islamismus oder auch nur Linksextremismus bekämpft, geht man automatisch auf die Barrikaden von einer oder von der anderen Seite. Richtige politische Kunst ist nicht die Bekämpfung von einem oder anderem Unrecht, sondern Förderung der Toleranz und Entspannung durch die Kultur und Bildung. Dafür braucht man Zeit und Investitionen, viel Zeit und viele Investitionen. Und viel Geduld. Leider handelt Politik immer öfter sporadisch, als unmittelbare Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis. Es fehlt strategisches langfristiges Denken – und nicht nur in Bezug auf die Antisemitismusbekämpfung.

Veröffentlicht in Allgemein

Monatsplan

  • Keine anstehenden Termine
AEC v1.0.4