Genau vor einem Jahr, zum 65. Jahrestag des Novemberpogroms, haben Dutzende Überlebende aus unterschiedlichen Konzentrationslagern und Widerstandskämpfer gegen Nazismus einen Aufruf unterschrieben, den ich hier zitieren möchte:
Die letzten Zeugen des faschistischen Terrors rufen auf: Gedenkt der Pogromnacht am 9. November 1938!
Damals wurden in ganz Deutschland durch die SA-Sturmkolonnen die Synagogen angezündet, über 7500 jüdische Läden und Geschäfte demoliert, geplündert und in Brand gesetzt.
Unter Berufung auf die "kochende Volksseele" wurden die Wohnungen tausender jüdischer Familien zertrümmert und ausgeraubt, wurden dreißigtausend jüdische Menschen in die KZ verschleppt.
Dieser Tag war eine Station auf dem Weg zur Vernichtung der europäischen Juden. Der Rauch der brennenden Synagogen ging dem Rauch von verbrannten Menschen aus dem Krematorium von Auschwitz voraus.
Dieser Tag kundete aber auch den kommenden barbarischen Vernichtungskrieg an. Mit ihm sollte getestet werden, inwieweit die Bevölkerung kriegsbereit ist, indem sie mitten im Frieden Gewalt, Raub, Brandschatzung und Mord hinnimmt. Es geschah unter allen Augen. Deshalb lasst uns immer wieder die Frage stellen:
Wie tief war doch dieser Antisemitismus in der Bevölkerung verwurzelt. Das darf sich nie wiederholen - das muss unsere Verpflichtung für die Zukunft sein!
Auch jetzt, 66 Jahren danach, gibt es viele Gründe alarmiert zu sein! Der Antisemitismus, der nach 1945 das Tageslicht scheute, ist wieder gesellschaftsfahig geworden. Parolen werden zu Taten. Jüdische Grabstätten und Einrichtungen werden fortwährend geschändet. Die Nazis marschieren wieder, und oberste Richter geben dafür die Straße frei. Tagtäglich erleben wir rassistische Gewalt. Erschreckend ist die gesellschäftliche Zustimmung zur Ausgrenzung, Diskriminierung und Entrechtung von Menschen, die als "Ausländer" wahrgenommen werden.
Die politischen Parteien vergessen alle Prinzipien, wenn es um ein oder zwei zusätzliche Prozente von Wählerstimmen geht. Das Stimmenangeln anhand der Vorurteile und Ressentiments rassistischer und religiöser Art ist fast zum politischen Alltag geworden.
Nie mehr schweigen und nie mehr wegsehen, wie und wo auch immer Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit hervortreten!
Noch eine gefährliche Tendenz in der Gegenwart darf man heute nicht außer Acht lassen. Keine anderen in der Geschichte auftretenden despotischen Diktaturen können die Verbrechen der Nazis reinwaschen. Auch der Willkür der sowjetischen Militärtribunale unter Josef Stalin kann nicht aus einem Naziverbrecher ein Opfer schaffen. Nazismus war unter allen Bösen etwas Überböses oder Radikal Böses.
Der wohl bekannteste hallesche Jude, Rabbiner Emil Ludwig Fackenheim seligen Angedenkens, sagte im Jahr 2002:
Wäre der Nationalsozialismus nur ein extremer Rassismus gewesen, wäre der Unterschied zwischen "Slaven" und "jüdischen Nicht-Ariern" ein rein quantitativer: es gab zu viele - "Slaven" und Juden sollte es überhaupt nicht geben. Doch der Unterschied ist größer: "Slaven" konnten überleben, wenn sie wussten, wie sie sich als solcher richtig benehmen, wie man als "Menschentier" lebt. Aber die jüdische "Sünde" war Geburt.
Für Fackenheim war dieser Unterschied qualitativ, seine Bedeutung gewaltig: Bei der Geburt wurden Juden getötet, bevor die Knaben noch beschnitten werden konnten und am Ende, - in Treblinka, in Auschwitz - wurden Junge und Alte getötet - und so raffiniert waren die Täter: Dies waren keine Duschen, sondern Gaskammern! - bevor irgendjemand das Schma Israel sagen konnte, das jüdische Gebet vor dem Tod. Der Angriff galt daher nicht nur der jüdischen Rasse, sondern auch dem jüdischen Glauben.
Um die politisch und moralisch riskanten Gegenüberstellungen von den unterschiedlichen Bösen zu vermeiden, müssen wir jährlich und nicht nur einmal, am 9. November, sondern viel ofter, an die Ereignisse vor 66 Jahren erinnern.