Rede von Max Privorozki am 09.11.2004 anl. der Verleihung des Emil-L.-Fackenheim-Preises

Bevor wir mit der heutigen feierlichen zweiten Preisverleihung des Emil-L.-Fackenheim-Preises beginnen, erlaube ich mir, einige Worte zur Persönlichkeit von Rabbiner Professor Emil Ludwig Fackenheim und zum Preis der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale) zu sagen.

Emil Ludwig Fackenheim wurde am 22. Juni 1916 als Sohn des Rechtsanwalts und Notars Dr. Julius Fackenheim in Halle/Saale geboren. 1935 machte er am Stadtgymnasium das Abitur. Danach begann er an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin bei Leo Baeck zu studieren. Im Frühjahr 1937 schrieb er sich jedoch an der Martin-Luther-Universität in Halle ein und gab als Studienfächer Orientalia, Philosophie und Religionsgeschichte an. Am 2. November 1938 wird Fackenheim zwangsexmatrikuliert und nach den Novemberpogromen in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Bald, nach seiner Entlassung im März des Jahres 1939, wird er in Berlin von Leo Baeck zum Rabbiner ordiniert. Kurz darauf, am 12. Mai, gelang ihm die Emigration über Großbritannien nach Kanada.

Von 1943 bis 1948 wirkte Fackenheim als Rabbiner in Hamilton (Ontario), 1948 wird er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Department of Philosophy der Universität Toronto für deutschen Idealismus angestellt. Von 1960 bis zu seiner Emeritierung lehrte er in Toronto, in den achtziger Jahren wurde er Fellow des Institute of Contemporary Jewry in Jerusalem. Es ist schwer zu sagen, ob Fackenheim mehr Philosoph oder Theologe war. Die Grenze zwischen diesen beiden Disziplinen ist bei ihm nicht scharf gezogen. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass er sich 1967, in einem Rückblick auf die Jahre zwischen Auschwitz 1940 und Jerusalem 1967, auf Martin Buber und Franz Rosenzweig bezog und bemerkte, dass sie diejenigen seien, die ihn beeinflusst hätten.

Nachdem er zunächst über die arabische und jüdisch-mittelalterliche Philosophie publiziert hatte, fühlte Fackenheim sich in den fünfziger Jahren mehr und mehr zum deutschen Idealismus hingezogen, vor allem zu Schelling, Kant und Hegel. Eine neue Periode begann mit dem Sechs-Tage-Krieg 1967. Seitdem kreiste sein Denken um das Ereignis des Grauens, das bei ihm zur "materia philosophica" wurde: die Shoah. Diese Wende ist kein Zufall. Der Krieg rief ein neues Bewusstsein der Angst vor der Vernichtung hervor, der Angst, dass sich das Schicksal der Juden wiederholen könnte. Fackenheim sah in der Shoah das Grundereignis des Lebens Israel, vergleichbar mit der Erfahrung auf dem Sinai. Dort wurden den Juden Gebote und Verbote gegeben, die ihr Leben betrafen, hier wurde ein neues Gebot hinzugefügt: "Es ist den Juden verboten, Hitler nachträglich zum Sieg zu verhelfen."

Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands besucht der wohl berühmteste Sohn unserer Gemeinde mehrere Male seine Geburtsstadt. Am 19. September 2003 ist Emil Fackenheim in Jerusalem verstorben.

Wir betrachten die heutige Veranstaltung nicht nur als große und hochverdiente Würdigung der Preisträger, sondern auch als unsere, leider in Memoriam zum Ausdruck gebrachte, Hochschätzung des Namens von Herrn Rabbiner Fackenheim, sichrono liwracha, möge sein Name uns zum Segen werden.

Es ist leider kein Geheimnis, dass das Toleranzniveau gegenüber den Juden in den letzten Jahren stark gesunken ist. Diese Tendenz ist nicht nur in Halle bzw. in Sachsen-Anhalt, sondern überall in Europa und in der ganzen Welt zu beobachten.

Die andere sehr gefährliche Tendenz ist, das Wort "Holocaust" zu vereinheitlichen und zu universalisieren. Alles, was in der Gesellschaft an Negativem geschieht, wird von manchen Menschen, manchmal auch ohne böse Absicht, als Holocaust genannt.

Deswegen erhalten die Kräfte immer größere Bedeutung, die ohne Kompromisse, ohne Angst, trotz der Diffamierungen und Rufmorde bereit sind, bei jedem Anzeichnen des Antisemitismus in der Gesellschaft, seine Gegenstimme zu erheben und die Öffentlichkeit zu zwingen, diese Stimme zu hören!

Der Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener des Landes Sachsen-Anhalt schweigt nie.

So war es, als das NPD-Verbotsverfahren beim Bundesverfassungsgericht eingestellt wurde. Und auch als der Neonazimarsch in Bochum gegen den Synagogenbau als eine Meinungsfreiheit erlaubt wurde. Im Aufruf des VVN-BdA gab es eine direkte und mutige Antwort: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

So war es, als durch einen Beschluss des Stadtrates von der Stadt Gardelegen bei Magdeburg "aus Kostengründen" eine Umgestaltung der vier Gräberfelder auf dem Ehrenhain für mehr als 1000 ermordete KZ-Häftlinge vorgenommen werden sollte. Antifaschisten und ehemalige Widerstandskämpfer haben ganz eindeutig auf das Testament der amerikanischen Befreier von Gardelegen an die zukünftigen Generationen erinnert: "Hier liegen 1016 alliierte Kriegsgefangene, die von ihren Wachen ermordet worden sind. Die Einwohner von Gardelegen haben sie begraben und die Verpflichtung übernommen, diese Gräber ebenso frisch zu bewahren, wie das Gedächtnis der Unglücklichen in den Herzen aller freien Menschen bewahrt bleiben wird."

Ein anderer Fall der aktiven Lebensposition des Preisträgers war der Versuch den Verkauf des über das Bundesvermögensamt angebotenen ersten nationalsozialistischen Konzentrationslagers Lichtenburg in Sachsen-Anhalt zu verhindern. Lichtenburg galt als Vorläufer der KZs Buchenwald und Ravensbrück. Die ersten Gefangenen wurden noch im November 1933 in dem Lager untergebracht. Die Proteste des Interessenverbandes und das Einschalten der ausländischen Presse haben diesmal ihre Wirkung gezeigt. In London konnte man lesen, dass bei uns im Land das "... erste KZ der Nazis als Hotel oder Themenpark verkauft wird."

Das jüngste Ereignis ist die Geschichte mit dem Ehrengrabfeld für Torgauer Urnen auf dem Getraudenfriedhof der Stadt Halle. Unter 117 dort Bestattenden gibt es nachweislich nicht rehabilitierte Nazikriegsverbrecher.

Die Basisgruppe des Interessenverbandes schreibt "... die Familien der NS-Kriegsverbrecher haben wie jede Familie ein Recht auf ein Urnengrab für Ihre Toten. Eine Grabstätte, die einem Ehrenhain gleicht, steht ihnen nicht zu. Die Opfer des Faschismus würden sich in ihrem Grabe umdrehen, wenn sie das erführen." Die Geschäftsstelle Magdeburg bringt auch ihre Empörung für diese Aktion zum Ausdruck und erkennt hier eine skandalöse Nichtachtung unzähliger menschlicher Leidens- und Sterbenswege zur Zeit des Hitlerfaschismus. Der 90-jährige Karl Heinz Hoffmann aus Weisenfells, dem ich hier insbesondere begrüßen möchte, erinnert an den Beschluss des Deutschen Bundestages vom 14. Mai 1997: "Der zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen." Und als Schlussfolgerung: "Wer also Nationalsozialisten verteidigt, die nachweislich Kriegsverbrechen bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, der will die Geschichte fälschen. Das kann und darf man nicht zulassen!"

Vielen Dank, liebe Freunde des IVVdN, dem Vorstand mit dem Vorsitzenden, Herrn Jupp Gerats, allen Basisgruppen des Landesverbandes für Ihr Engagement. Die folgende Worte des Professors Fackenheim möchte ich am Ende meines Vortrags zitieren:

Die Deutschen der jüngeren Generation sind nicht schuldig, das ist keine Frage. Aber sie haben eine besondere Last zu tragen, ob sie wollen oder nicht. Zumindest für einige ist auch selbstverständlich, dass man, obwohl man keine Schuld hat, doch Verantwortung hat. Die deutsche Jugend trägt die Verantwortung dafür, dass die Zukunft anders wird, als die Vergangenheit war. Ich glaube, dass es wieder deutsche Denker geben muss, die fragen: Was ist denn passiert in Deutschland, das mit Dichtern und Denkern, von Kant bis Hegel begann und mit Hitler als Denker endete? Wie ist so ein unvergleichliches Versagen möglich wie das von Heidegger, der vielleicht der größte Philosoph des zwanzigsten Jahrhunderts war und bis zu seinem Tod nicht ein einziges Wort über den Holocaust geschrieben hat? Ich kann nicht verlangen, dass jeder Mensch sich mit diesen Dingen beschäftigt. Aber es sollte zumindest einen einzigen Denker geben, der sagt: Ich habe keine andere Aufgabe, als diese Geschichte durchzudenken, noch einmal, vom Anfang bis zum Ende, um zu sehen, was da wirklich passiert ist. Denn was durch Denken geschehen ist, muss durch Denken uberwunden werden.